Urbane Orte und Räume jüdisch-christlicher Nachbarschaft am Vorabend der Emanzipation

Willkommen auf dieser interaktiven Webseite. Sie rekonstruiert städtische Wohnverhältnisse und darin erkennbare Muster der Nachbarschaft von Christen und Juden im Übergang von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft.

Seit dem Erlass der Judenordnung von 1772 war das Wohnrecht von Juden, die in der sächsischen Residenzstadt Dresden konzessioniert oder geduldet waren, auf die Altstadt beschränkt. Über die demographischen und sozialen Verhältnisse der hier lebenden jüdischen Familien hatten die Gemeindeältesten regelmäßig an die Regierung zu berichten. Einer dieser detaillierten Berichte, die für verschiedene Stichjahre überliefert sind, bildete die Datenbasis für dieses Projekt. Über verknüpfte Daten aus relevanten Adressbüchern eröffnet es erstmals für eine deutsche Stadt die Möglichkeit, Mikroräume christlich-jüdischer Nachbarschaft zu erschließen. Freuen Sie sich auf neue Erkenntnisse und entdecken Sie auf der interaktiven Karte, wie viele Juden und Christen 1835 verteilt über alle Altstadtviertel in gemeinsam bewohnten Häusern lebten.

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Projekt und Mitarbeitende

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Jüdische Haushalte und Mietverhältnisse in der Dresdener Altstadt

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Kontext

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Jüdisches Leben in Dresden um 1830

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Kritik

Quellenkritik

Herkunft, Aufbereitung und Auswertung der Daten

Kritik
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Interpretieren

Offenheit und Sichtbarkeit in städtischen Mikroräumen

Kritik
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Weitere Informationen gesucht

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Projekt und Mitarbeitende

Die Datenerhebung und die Erstellung der Karte war Teil eines Forschungsprojekts, das Simone Lässig am Deutschen Historischen Institut Washington realisiert hat. Die zentralen Ergebnisse des Projekts flossen in eine Monographie ein. Sie wird 2027 unter dem Titel Jewish Life and Social Change in Central Europe: Coping with Modernity, 1800–1860, bei Cambridge University Press erscheinen und im 9. Kapitel neue Erkenntnisse zu jüdisch-christlicher Nachbarschaftlichkeit präsentieren, die sich auch aus dieser Karte ableiten.

Daniel Burckhardt hat die digitale Karte konzipiert und das Konzept mit Unterstützung von Emily Kühbauch technisch federführend umgesetzt, Vanessa Tissen hat die graphische Gestaltung verantwortet.

Karte: Jüdische Haushalte und Mietverhältnisse in der Dresdner Altstadt

Legende

Adressmarker (Form)

jüdische Institutionen (ohne jüd. Haushalt)
jüdische und nicht-jüdische Haushalte
ein jüdischer Haushalt (kein nicht-jüdischer Haushalt bekannt)
mehrere jüdische Haushalte (kein nicht-jüdischer Haushalt bekannt)

Adressmarker (Farbe)

bemittelt
unbemittelt
arm
sehr arm
jüdische Institutionen (ohne jüd. Haushalt)

Liste der Haushalte (nach Klick auf Marker)

jüdischer Haushalt
Hausbesitzende
Zahl der Söhne/Töchter

Legende zur Statistik

Statistik zur Berufsklassifikation
Statistik zu den Vermögensverhältnissen
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Hinweise zu den Kartenfunktionen

Historischer Kontext: Jüdisches Leben in Dresden um 1830

Seit der Reformation hatten die sächsischen Kurfürsten jüdische Ansiedlungen nicht mehr geduldet. Jüdische Händler besuchten zwar regelmäßig die Messen in Leipzig, doch ansonsten waren Juden in den Lebenswelten sächsischer Untertanen absent. Das änderte sich zuerst im Umfeld des Hofes. Um ihre außenpolitischen und ihre kulturellen Ambitionen finanzieren zu können, bedienten sich Kurfürst Friedrich August I. und sein Sohn Friedrich August II. ab 1696 jüdischer Hoffaktoren. Zunächst waren es wenige Juden, die mit ihren Familien und Bediensteten Schutzbriefe für die Niederlassung in Dresden erhielten, doch in den Wirren des Siebenjährigen Krieges vermehrte sich ihre Zahl weitgehend unkontrolliert; bei Kriegsende lebten mindestens achthundert Juden in der Stadt. 1772 erließ Kurfürst Friedrich August III. eine „Juden-Ordnung für die Chur-Fürstlich-Sächßische Residenz-Stadt Dreßden“. Sie bot den nun in Dresden registrierten Juden eine basale Rechtssicherheit, reglementierte jedoch ihre Erwerbzweige und Religionsausübung, die Verfasstheit der Judenschaft und ihr Niederlassungsrecht. Juden durften nicht außerhalb der Altstadt Dresdens leben und weder für private noch für religiöse Zwecke Immobilien erwerben. Mit diesen Auflagen, die bis 1837/38 in Kraft blieben, verband sich eine Implikation, die bisher wenig Beachtung gefunden hat: Wollten Juden in Dresden bleiben, so mussten sie christliche Hauseigentümer finden, die bereit waren, ihnen eine Wohnung zu vermieten. Mehr noch: Auch jüdische Beträume, Schulstuben und Vereine konnten nur unter christlichen Dächern Platz finden. Damit dürften sie ihre christlichen Vermieter und Nachbarn auf spezifische Weise gefordert haben, mit kultureller und religiöser Differenz umzugehen. Wie dies die soziale Topographie und damit die Verflechtung von christlichen und jüdischen Lebenswelten im Übergang von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft geprägt hat, offenbart die interaktive Karte zur der Dresdener Altstadt, in der 1837 auf weniger als einem Dreiviertel Quadratkilometer ca. 22.619 Menschen lebten. Die überwältigende Mehrheit von ihnen waren Lutheraner (knapp 20.000). 1914 Personen waren als Katholiken, 640 bzw. 652 als Juden, 245 als Reformierte und 20 als Griechisch-Orthodox registriert1.

Die Karte bildet in mehrfacher Hinsicht eine Stadt im Wandel ab: Nach ersten Initiativen in der Napoleonischen Zeit waren die Mauern um die Stadt nun verschwunden und unter dem Einfluss der Julirevolution in Frankreich trat das Königreich Sachsen in den Kreis der Verfassungsstaaten ein. Eine moderne Städteordnung garantierte die kommunale Selbstverwaltung, Religion und Kultus wurden – 1834 auch für die Juden – staatlich geregelt und die bürgerliche Gleichstellung der Juden stand auf der Agenda des Landtags. Die letzten Ausnahmeregelungen für Juden gab Sachsen zwar erst 1866 mit dem Beitritt zum Norddeutschen Bund und dem 1868 verabschiedeten "Gesetz zur Gleichberechtigung der Konfessionen" auf, doch die gravierendsten Beschränkungen wurden 1837/38 aufgehoben: Jüdische Dresdner durften fortab in allen Stadtteilen wohnen und Immobilien erwerben, sie durften sich zu einer Religionsgemeinde zusammenschließen, eine Gemeindeschule einrichten und eine öffentliche Synagoge betreiben. Die Dresdner Juden nutzten diese neuen Optionen beherzt—1838 erwarben sie am Gondelhafen ein Grundstück und gewannen den renommierten Architekten Gottfried Semper für die Aufgabe, dort ein jüdisches Gotteshaus zu errichten, das sich ebenso selbstbewusst wie harmonisch in das Dresdner Stadtbild einfügen würde. Im Mai 1840, elf Monate vor dem weltbekannten Hoftheater Sempers, wurde eine Synagoge eingeweiht, die mit ihrer wegweisenden Architektur vom wachsenden Selbstbewusstsein einer jüdischen Gemeinde zeugte, die aktiv mitwirkte an der Entwicklung einer bürgerlich-liberalen Stadtgesellschaft.

1 Wichtige kontextualisierende Informationen bieten: Meyer, Ernst Julius Jacob, Versuch einer medicinischen Topographie und Statistik der Haupt- und Residenz-Stadt Dresden, Stolberg 1840; Richter, Otto, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der Stadt Dresden, Dresden 1885-1892.

Quellenkritik: Herkunft, Aufbereitung und Auswertung der Daten

Die Ältesten der Jüdischen Gemeinde Dresden waren verpflichtet, regelmäßig Listen aller jüdischen Haushalte an die Regierung liefern. Eine dieser Listen, das Verzeichnis der israelitischen Gemeinde zu Dresden, im März 1835, bildet die Grundlage der Karteneinträge.2 Sie enthält zu jedem der 240 jüdischen Haushalte (in der Liste, die nach Klick auf einen Marker anzeigt wird, mit ✡ gekennzeichnet) u. a. die Wohnadresse, Namen der Familienmitglieder, die Tätigkeit sowie Angaben zu den Vermögensverhältnissen (bemittelt / unbemittelt / arm / sehr arm). Inwieweit diese Angaben auf Selbstauskünfte der Haushaltsvorstände oder auf eine Einstufung durch die Gemeindeältesten zurückgehen, ist nicht überliefert.

Ausgehend von diesen Angaben wurden über den Dresdner Adress-Kalender von 1837 Daten zu christlichen Nachbarn der jüdischen Familien und zu ihren Vermietern erhoben. Da die Eintragung in Adresskalender nicht verpflichtend war, finden sich dort nur wenige jüdische Familien wieder und auch christliche Mieter dürften nicht lückenlos verzeichnet sein. Die wenigen Dresdner Häuser, für die in der Karte ausschließlich jüdische Bewohner nachgewiesen sind (z. B. Scheffelgasse 187) könnten daher – wie die Mehrzahl der Gebäude in der Altstadt – auch von Christen bewohnt worden sein.

Für Häuser, in denen es mindestens einen jüdischen Haushalt gab, wurden im Adressteil Daten zu dort verzeichneten Nachbarn erhoben und in der Karte visualisiert: Namen des Hausvorstands sowie Angaben zu Gewerbe und Lage der Wohnung innerhalb des Hauses.3 Hier ein Beispiel: Franke, Leop. Ephr., Böttcher, Hbs., Baderg. 450 1 Tr. (Hbs. steht für Hausbesitzer, in der Karten verwenden wir dafür das Symbol ⌂, 1 Tr[eppe] heißt 1. Stock). Hausbesitzer, die nicht selbst im Haus wohnten, wurden über den Hausbesitzerteil des Adress-Kalenders ergänzt. Adressbuchangaben zu jüdischen Schulen und Betstuben waren nicht vollständig; sie wurden aus Sekundärliteratur erhoben.4

Die sowohl im Stadtplan als auch im Adress-Kalender und dem Verzeichnis der israelitischen Gemeinden einheitlich verwendeten Hausnummern sind die bis 1839 genutzten Brandkatasternummern. Eine Konkordanz zwischen den neuen und alten Brandkatasternummern und der Gassennummer liefert ein von Johann Gotthold Heßler herausgegebenes Häuserverzeichnis. Hesslers Grundriß von Haupt- und Residenz-Stadt Dresden nebst den Vorstädten, 1:4 000, Lithographie, 1833 dient als Kartenlayer.

Quellen, die für Dresdens Altstadt Informationen zum Aufbau der Häuser und zu Praktiken der Vermietung im frühen 19. Jahrhundert geben, sind ebenso rar wie relevante Forschungsliteratur. Um die in der Karte sichtbaren topographischen Muster wissenschaftlich bewerten zu können, wurden die wenigen Studien herangezogen, die zu anderen Städten vorliegen.5 Auch bildliche Darstellungen, die einen visuellen Eindruck vom Zustand der Gassen und Häuser jenseits der repräsentativen Gebäude wie Zwinger, Schloss oder Frauenkirche vermitteln, waren bislang nur vereinzelt zu finden. Zeitgenössische Reiseführer zeichnen ein widersprüchliches Bild vom Profil der Stadt, sind sich aber weitgehend einig, dass Dresden um 1830 weniger glanzvoll war, als es Besucher von einer deutschen Residenzstadt erwartet hätten, und dass viele Menschen in der Altstadt auf engstem Raum lebten.6

2 Sächsisches Staatsarchiv, 10736 Ministerium des Innern, Nr. 00826c, Acta, die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen in Beziehung auf den Staat betr: 1837, Bd. III, archiv.sachsen.de/archiv/bestand.jsp?guid=d16b5383-2872-44bc-9806-b2e20c91f37d
3 „Alphabetischen Verzeichnis der Einwohner Dresdens, mit Bemerkungen ihres Standes oder Geschäftes, der Straßen in welchen dieselben wohnen und der Hausnummer“
4 HATIVKA e.V. (Hrsg). Jüdisches Dresden. Stadtplan. Dresden 2006 www.hatikva.de/index_htm_files/stadtplan.pdf; Pitsch, Heike. Bildungsbewusstsein und sozialer Aufstieg. Die jüdische Gemeindeschule Dresden 1836–1869. Wissenschaftlicher Verlag Berlin, Berlin 2016
5 Busch, Tobias, „Wirtschaften und Repräsentieren: Zur Miete Wohnen in der Haupt- und Residenzstadt Kassel im frühen 18. Jahrhundert.“ Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 109 (2004): S. 141–158; Giebmeyer, Angela. Wohnen in Trier in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Baustruktur und soziale Aspekte. Auenthal, 1995; Lowenstein, Steven M., Jewish Residential Patterns, in: Kaplan, Marion A., Jewish Daily Life in Germany, 1618-1945. Oxford 2006, S. 92-105.
6 Hasche, Johann Christian, Umständliche Beschreibung Dresdens: mit allen seinen äußern und innern Merkwürdigkeiten. Historisch und architektonisch, mit zugegebenem Grundriß, Leipzig 1781-1783; Lüdemann, Wilhelm von, Dresden wie es ist, Zwickau 1830; Spazier, Richard Otto/Lüdemann, Wilhelm von, Scherz und Ernst über Ernst Scherzliebs Dresden, wie es (duch eine Goldbrille) ist, Leipzig 1830; Janus [Meynert, Hermann], Charaktergemälde von Dresden, grau in grau: für Alle, welche die Elbresidenz bewohnen oder kennen zu lernen wünschen, Pössneck 1833; Sillig, P.H., Neues Kaleidoskop von Dresden, 2. verm. Auflage, Dresden 1843; Gottschalk, Kaspar Friedrich, Dresden, seine Umgebungen und die Sächsische Schweiz : ein Taschenbuch für Reisende, Dresden 1842.

Interpretieren: Offenheit und Sichtbarkeit in städtischen Mikroräumen

Die digitale Karte offenbart, dass in der Altstadt jeder fünfte christliche Dresdner mit jüdischen Dresdnern unter einem Dach wohnte (zwischen viereinhalb und fünftausend Personen).7 Sie zeigt zudem, dass Dreiviertel der jüdischen Familien ausschließlich mit Christen in einem Haus wohnten und ein weiteres Sechstel lediglich einen jüdischen Nachbarn hatte.8 Diese Wohnstrukturen deuten auf eine hohe Intensität christlich-jüdischer Nachbarschaften hin.

Bis in die 1820er Jahre war räumliches Wachstum in der Dresdner Altstadt kaum möglich. Obwohl die Nachfrage nach Wohnungen daher höher war als das Angebot, vermieteten zahlreiche Hausbesitzer an Juden aus allen sozialen Schichten, selbst an das reichliche Drittel der Gemeinde, das den Unterschichten zugeordnet und als armselig, schmutzig und abstoßend geschildert wurde.9 Damit entsteht ein in mehrfacher Hinsicht überraschendes Bild christlich-jüdischer Nachbarschaftlichkeit: Erstens haben zahlreiche Zunftbürger ihren christlichen Mietern und sich selber Juden als Nachbarn „zugemutet“.10 Zweitens überstieg der Anteil jüdischer Mieter den jüdischen Einwohneranteil signifikant – mehr als ein Zehntel der reichlich zweitausend Mietwohnungen war von Juden bewohnt11 – und drittens sind Muster räumlicher Segregation kaum zu erkennen; jüdische Haushalte verteilten sich über die gesamte Altstadt.

Juden und Christen teilten Lebensräume und Muster im Wohnverhalten. Der städtebauliche Bestand förderte generell gemischte Wohnweisen ohne scharfe soziale Grenzen. Zwar gab es um öffentliche Plätze und Märkte herum breitere Gassen, die Raum für eine repräsentative Architektur und besser betuchte Bürger boten, doch dominierten vertikale Differenzierungen: Im Erdgeschoss fanden sich Geschäfte und Werkstätten von Handwerkern, in den ersten und zweiten Etagen ansehnliche, teils exklusive Wohnungen. Nach oben hin und in die Tiefe der Gebäude wurden die Bewohner im Regelfall immer ärmer. Das galt auch für die verschiedenen Gruppen der Judenschaft, über die das „Gewerbeblatt für Sachsen” 1837 berichtete, dass eine kleine Schicht wohlhabender Familien die erste bis dritte Etage bedeutender Häuser bewohne oder über Mittelsmänner eigene Häuser erworben habe.12 In vielen Residenzstädten stieg das Ansehen der Bewohner mit der räumlichen Nähe zum Hof; je weiter man weg wohnte, desto geringer das Prestige der Bewohner.13 In Dresden jedoch wohnten viele Juden aus der Unterschicht fast in Sichtweite des Schlosses, der königlichen Sammlungen und der Brühlschen Terrassen, auf denen die bessere Gesellschaft aus adligen und bürgerlichen Stadtbewohnern flanierte.

Wohntopografien haben die jüdische Präsenz im Stadtraum erheblich beeinflusst und die physische Beschaffenheit vieler Häuser dürfte soziale Interaktion regelrecht erzwungen haben. Typisch waren bei enger Bebauung und hoher Wohndichte Gebäude mit einem labyrinthischen Gewirr von Räumen, Treppen und Fluren, in denen sich Menschen nie gänzlich aus dem Wege gehen konnten. Auch Juden müssen in die Kultur der Sichtbarkeit und des Gehört-Werdens eingebunden gewesen sein. In sich geschlossene Wohnungen waren rar und nur für die „besseren Stände“ erschwinglich. Die Mehrheit der Stadtbewohner lebte in offenen Konfigurationen, vielfach ohne verschließbare Wohnungstüren. Der Weg in obere Stockwerke führte oft durch untere Wohnungen und dort, wo es schon moderne Treppenhäuser gab, förderten sie eher Begegnung als Segregation. Jüdisches und christliches Tun dürfte insofern nur mit größter Mühe voneinander zu verbergen gewesen sein, zumal die Hausbewohner zahlreiche physische Räume teilen mussten. Über eigene sanitäre Einrichtungen verfügten nur wenige Familien, die meisten nutzten Gemeinschaftstoiletten hinterm Haus. Reinigen konnten sie sich in Badezubern gemeinschaftlich nutzbarer Waschräume oder in außerhäusigen Badereien und offenen Wassertrögen. Ihr Essen mussten alle Familien, die nicht in einer der wenigen Etagenwohnungen lebten, in Gemeinschaftsküchen zubereiten. Wie die Dresdner Juden in solchen Konstellationen ihre Speisegesetze und Hygieneregeln einhielten, wissen wir nicht.14 Aber man kann annehmen, dass sie und ihre Mitbewohner sich wechselseitig viel stärker wahrnahmen als in heutigen Mietshäusern und dass sie sich tagtäglich arrangieren mussten.

Um 1835 gab es in der Altstadt mindestens drei Häuser, in denen ausschließlich Christen wohnten, aber jüdische Betstuben betrieben wurden, und daher fromme Juden regelmäßig aus- und eingegangen sein müssen.15 Das konnte nicht unbemerkt bleiben, weder für die Nachbarn im Haus noch für die Dresdner, die ihnen mit ihren äußeren Zeichen jüdischer Frömmigkeit auf öffentlichen Gassen begegneten.16 Insofern haben die seit 1772 definierten Einschränkungen in der öffentlichen Religionsausübung die Dresdener Juden und das bis 1838 geltende Verbot, eine Gemeindesynagoge zu errichten, nicht unsichtbar werden lassen. Im Gegenteil: Die vermögenden Betreiber hatten ihre Beträume in den besseren Gassen der Stadt eingerichtet. Die Synagoge von Abraham Salomon Bondi lag in der Schreibergasse 26 (Vermieter war ein Schankwirt) gegenüber den geistlichen Häusern der Kreuzkirche und die von Mendel Schie begründete Synagoge war in einem der repräsentativsten Bürgerhäuser Dresdens zu finden — dem Haus von Johann Christoph Arnold.17 Bis 1834 betrieb der Verleger und Buchhändler dort eines der besten Leseinstitute der Stadt und es scheint, als habe die gebildete Gesellschaft, die bei Arnold aus und ein ging, die Nachbarn mit ihren teils fremdartigen Frömmigkeitspraktiken geduldet und mit ihnen zu leben gewusst.

7 Die zeitgenössische Statistik ging von 25-27 Bewohnern pro Haus aus.
8 Nur für 13 Häuser sind drei oder mehr jüdische Haushalte ausgewiesen.
9 16,3% der 239 jüdischen Haushalte wurden als arm, 22,2% als sehr arm charakterisiert. 28,5% stuften die Ältesten als unbemittelt und 33,5% als bemittelt ein. HStAD, MdI Nr. 826c; KHS Nr. 617.
10 Für 94 Eigentümer, die an Juden vermieteten, konnte das Gewerbe ermittelt werden: 55% waren Handwerker, 20% Handel- und Gewerbetreibende, 15% ohne Gewerbe, zumeist verwitwet und 10% hofnahe Beamte. Mindestens 56% der Vermieter wohnten mit ihren (auch jüdischen) Mietern im selben Haus.
11 Das Verzeichnis der Judenältesten gab für 239 Haushalte Adressen an, davon lagen 228 innerhalb der Altstadt. Die Zahl der dort vorhandenen Häuser bewegte sich zwischen 820 und 837, Mietwohnungen gab es ca. 2.100.
12 Gewerbeblatt Sachsen, 1837, S. 138f.
13 Busch, Wirtschaften und Repräsentieren, S. 142.
14 Eine Mikve ist in Dresden nur bis 1825 nachweisbar. Sie befand sich im Alten Posthaus, das die Hofjuden Lehmann und Meyer 1718 für ihr Wechselgeschäft, aber offenbar auch für rituelle Belange der Gemeinde gepachtet hatten.
15 Keiner der vier Synagogenbesitzer wohnte selber im Haus, in dem er Räumlichkeiten für seine Betstube angemietet hatte, und nur in einem der betreffenden Häuser (Zahnsgasse 77) wohnte überhaupt ein Jude.
16 Glaubt man den Klagen jüdischer Reformkräfte, so waren sie mit ihren zu Hause angelegten Gebetsschals (Tallit) oder ihren Schaufäden (Zizit) bereits auf dem Weg dorthin als Juden erkennbar.
17 Die von Schie betriebene Synagoge bestand aus einem hohen, großen Raum mit einer Frauengalerie im Obergeschoss und einer Bima in der Mitte, zu der zwei kleine Treppen führten. Im Haus lebende Familien sind als Handwerker, Hofbeamte, Lehrer und Wissenschaftler ausgewiesen. Für die Vermieterin des Hauses Zahnsgasse 77 (Betstube des Hoffaktoren Philipp Aaron) liegen keine Angaben zum Gewerbe vor. Die Sekelsche Betstube befand sich im Haus Hinter der Frauenkirche 632. Eigentümer war ein Privatier, seine Mieter überwiegend Handwerker. Die jüdische Schulanstalt von David Landau betrieb dieser in seiner selbst angemieteten Wohnung auf der Scheffelgasse 185 und auch hier gab es keine weiteren jüdischen Mieter.

Weitere Informationen gesucht!

Um ein vollständigeres Bild des christlich-jüdischen Zusammenlebens zeichnen zu können, benötigen wir weitere Informationen. Wenn Sie über relevante Hinweise oder Datenbestände verfügen, so melden Sie sich gerne über das untenstehende Kontaktformular bei uns. Gesucht werden vor allem Angaben über nichtjüdische Nachbarn an den genannten Adressen.

Über Feedback und Anregungen zur Website freuen wir uns ebenfalls!










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Danksagung

Brita Hanafy (Frankfurt am Main/Oberursel) hat geholfen, die disparaten Daten aus den Dresdner Adressbüchern in ein maschinenlesbares Format zu überführen und Lucy Salmon (BBAW Berlin) hat in Abstimmung mit Tuğba Mack (DHI Washington) einen großen Teil der Bilder recherchiert. Dr. Daniel Ristau (Dresden/Marburg) hat uns durch detaillierte Hinweise zu Dresdner Jüdinnen und Juden sowie Standorten und Dauer der privaten Synagogen unterstützt und ebenso wie Prof. Dr. Christopher Friedrichs (Vancouver) wertvolles Feedback zu einem frühen Kartenentwurf gegeben. Zudem danken wir Prof. Dr. Stephan Laux (Universität Trier) als Wissenschaftlichem Leiter der „Armenkarte 1832“ und Prof. Dr. Julia A. Schmidt-Funke (Universität Leipzig) für ihre wertvollen Hinweisen zu städtischen Wohnverhältnissen im frühen 19. Jahrhundert.

Ein besonderer Dank gilt der Max Weber Stiftung, die dieses Projekt am Deutschen Historischen Institut Washington ermöglicht und gefördert hat, und dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, das diese Webseite in ihr Portal Jüdische Geschichte Online integriert hat.